Ankunft in „Bullerbü“

In den vergangenen Tagen war ich bei meinen Eltern. Ich wollte nur mal eben etwas abholen und einen festen Zeitpunkt hatten wir nicht vereinbart, weshalb sie auch noch nicht zuhause waren als ich bei Ihnen ankam.  Also habe ich mich für einen Moment auf eine Bank in ihrem Garten gesetzt und da war es plötzlich, dieses Gefühl von „Heimat „…Nein, damit ich nicht falsch verstanden werde . Ich wohne dort schon sehr lange nicht mehr. Genau genommen schon seit über 30 Jahren nicht mehr. Und Heimweh nach meinem Elternhaus, das habe ich gewiss schon lange Jahre nicht mehr.

„Heimat “ das war für mich vielmehr über viele Jahre hinweg unserer kleine Doppelhaushälfte. Dieses kleine Häuschen,  welches mein Mann und ich gebaut haben, als meine Tochter gerade mal ein halbes Jahr alt war, also vor nunmehr über 18 Jahren.

Ein richtiges Zuhause sollte dieses Haus damals für uns werden. Gebaut für die Ewigkeit sollte es sein, für unsere Ewigkeit…so zumindest hat es sich für mich damals angefühlt.

Jeden Grashalm haben wir dort selbst gesät, jeden Baum eigenhändig gepflanzt. Den Garten unzählige Male in vielen Details umgestaltet und jeden Stein 5 mal umgedreht. Ja, und so wurde mit der Zeit aus einem  Haus mehr und mehr auch eine „Heimat“ , ein richtiges Zuhause, in dem sich alle über einen langen Zeitraum wohl und geborgen gefühlt haben.

Und höre ich ich heute meine Eltern, so war es wohl auch für sie so etwas wie ein Zuhause. Auch für sie war es nicht nur irgendein Haus, vielmehr war dieses Haus  auch das Zentrum unserer gesamten Familie…..Sämtliche  Familienfeste,  haben wir dort gemeinsam erlebt, die Großen wie die Kleinen. Dort haben meine Schwiegereltern noch mit uns gefeiert, dort habe ich meine Tochter aufwachsen sehen und meine Tiere begraben…viele schöne und bewegende Erinnerungen verbinde ich mit diesem Haus . Momente in denen ich glücklich war, weil dort „Familie“ war, weil ich einfach“Zuhause“ war.

Und trotzdem, neben all den glücklichen Momenten die ich, die wir als Familie dort erlebt haben, wurde dieses Zuhause zunehmend angefüllt mit den Schrecken der Erkrankung …mit all der fürchterlichen Angst, ausgelöst durch den sich immer weiter zuspitzenden Kampf um die richtige Diagnose, durch den Kampf um eine angemessene Behandlung , ja durch mit den Kampf um´s Überleben.

Immer mehr verwandelte unser Zuhause sich in ein Gefängnis, einem Ort an dem Angst und Verzweiflung die Oberhand gewannen, an dem die Isolation sich bis ins Unerträgliche steigerte.

So kam es geradezu einem Befreiungsschlag gleich, als wir uns im vergangenen Jahr nahezu Hals über Kopf entschieden haben dieses „Zuhause“ zu verkaufen. Alles andere als schmerzfrei war der Abschied und noch heute, ein knappes halbes Jahr später,  ist es mir als breche mein Herz, wenn ich an all das denke, was ich dort zurück lassen musste.

Und dennoch, es  war es die einzige Chance für meine Familie und mich, um wieder frei atmen zu können.

Heute leben wir in einem hübschen Holzhaus. Fast so idyllisch wie in „Bullerbü “ wie eine liebe Freundin von mir zu sagen pflegt. Umgeben von einer Natur, die mir fast täglich den Atem verschlägt angesichts ihrer unglaublichen Schönheit. Ich fühle mich wieder freier, nicht mehr so eingesperrt  und komme zunehmend zur Ruhe . Ich beginne mich zu entspannen,  weil ich hier Rahmenbedingungen gefunden habe, innerhalb derer es sich mit meiner Erkrankung sehr viel leichter leben lässt.  Ja, genau so hatten wir es uns vorgestellt, das war der Plan.

Und dennoch, das Gefühl für eine „Heimat“ im eigentlichen Sinne, von einem Haus das für immer mein Zuhause ist, von einem Ort der  mir auf „ewige Zeiten“  Zuflucht und Geborgenheit bieten kann, dieses Gefühl ist wohl mit unserem alten Haus für immer verloren gegangen. Manchmal fühle ich mich etwas verloren, fast gar ein wenig entwurzelt, weiß ich doch, dass mein altes Leben nicht mehr zu haben ist. Und inwieweit wird meine Erkrankung es noch zulassen mir etwas Neues aufzubauen? Ich weiß es nicht!!!

Scheinbar ein trauriges Resümee und doch, wenn ich genauer darüber nachdenke, auch irgendwie wieder nicht. Denn trotz, oder besser gesagt sogar aufgrund der schmerzlichen Verluste der vergangenen Jahre, habe ich wiederum auch etwas hinzu gewonnen .

Mit dem Verlassen meiner alten Heimat, mit der sicheren Gewissheit, dass es keine äußeren Sicherheiten gibt, habe ich das hinzu gewonnen,  was schlussendlich wohl am allermeisten zählt:  Das Gefühl ganz und gar in mir selbst zuhause zu sein😊

 

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